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Uni ohne Arndt

Zeitraum: Mai 2009 – März 2010

Meine Aufgaben: Pressesprecher, Arndt-Darsteller, Projektkoordinator

Zusammenfassung:

In einer einjährigen Kampagne engagierten sich ein breites Bündnis aus Studenten an der Universität Greifswald, gegen den rassistischen und antisemitischen Namenspatron „Ernst Moritz Arndt“. Ich war als Sprecher der Initiative aktiv und organisierte eine umfangreiche Medienarbeit. Dadurch geriet ich jedoch bald selbst ins Kreuzfeuer der oft (aber nicht nur!) aus dem rechtsnationalen bis rechtsextremen Lager stammenden Arndt-Befürworter. Eine knappe Mehrheit im Senat lehnte die Ablegung des Namens schließlich ab. Der Name belastet bis heute das Image der Uni.

Kurz-Geschichte:

Kein geringer als Hermann Göring verlieh 1933, im Jahr der Machtergreifung der NSDAP, der Universtiät Greifswald den Namen “Ernst Moritz Arndt”. Wohl nicht zufällig, denn in Arndts Büchern finden wir dumpfen Rassismus, Aufruf zu Volkshass, völkischen Nationalismus und sich über ganze Kapitel erstreckender Antisemitismus. Der Rektor der Uni sagte am 28. Juni 1933  zur feierlichen Namensverleihung:

„Nur wenn wir so denken, werden wir auch im Sinne des Führers unseres Volkes [Adolf Hitler] handeln, der es immer von neuem bezeugt hat, dass für den Aufstieg Deutschlands nicht in erster Linie Wirtschaftsprogramme, Organisationsfragen und äußerliche Dinge entscheiden, sondern dass Deutschland nur dann einer besseren Zukunft entgegen geführt werden kann, wenn eine geistige Erneuerung das Volk erfasst. Das, was Ernst Moritz Arndt gewollt hat, geht zum guten Teil in unseren Tagen in Erfüllung. Aus seinem Geist heraus lebt nicht zum wenigsten die Gegenwart.“

Immer mal wieder forderten einzelne Stimmen an der Universität vergeblich die Ablegung des Namens oder wenigstens eine kritische Auseinandersetzung auf regelmäßiger Basis. Doch die Universitätsleitung lehnte dies stets mit der Sorgen um den Ruf der Uni ab. Daher nahm sich die Grüne Hochschulgruppe im StuPa-Wahlkampf 2009 zum Studierendenparlament die Ablegung des Namenspatrons vor. Um Ihrer Initiative zu mehr Schwung zu verhelfen, unterstützte ich die Gruppe fast vom ersten Tag an.

Die wohl spektakulärste Aktion veranstaltete wir gleich zu Beginn. Dazu verkleidete ich mich als Ernst Moritz Arndt und verlas seine Texte vor der Mensa. Original und ungekürzt, verstärkt nur durch ein Mikrofon. Die Polizei wurde daraufhin von dutzenden, besorgten Bürgern informiert, dass vor der Mensa „wohl die NPD einen Stand habe“ bzw. dass dort „Volksverhetzung“ betrieben werde. Wir hatten unser Ziel erreicht, die Leute haben selbst verstanden, dass offenbar etwas nicht in Ordnung ist mit ihrem Ernst Moritz Arndt. Dachten wir zunächst…

Bereits im Juni 2009 – wohl der größten Vollversammlung der Studierendenschaft bis heute – stimmten 95 % der Anwesenden für die Ablegung des Namens „Ernst Moritz Arndt“ (Bild oben). Und das Studierendenparlament verpflichtete sich und den AStA daraufhin den Namen nicht mehr zu verwenden. Die Unterstützerliste für unsere Initiative wuchs in den kommenden Monaten erstaunlich an:

Doch es folgte der Gegenschlag konservativer Arndt-Befürworter. Die von uns initiierte und von mir öffentlich vertretene Kampagne, leistete dabei so viel Aufklärungsarbeit und Richtigstellung wie möglich. Doch oft lies die rechtskonserative Lokalzeitung unsere Stimme nicht zu. Stattdessen veröffentlichte man den Leserbrief eines ehemaligen NPD-Kreisvorsitzenden, der bereits im Gefängnis gesessen hatte, weil er ein Asylbewerberheim angezündet hatte. Als wir in einem Leserbrief darauf hinweisen wollten, „kürzte“ man diesen Hinweis daraufhin raus. Auch Professoren, die sich gegen Arndt aussprachen wurden in Leserbriefen angegriffen. Auch im von mir gegründeten webMoritz fanden sich plötzlich zahllose rechtsnationale Kommentatoren wieder, die eine konstruktive Debatte nachhaltig zerstörten. Plötzlich war überall nur noch „Gezänk“.

Ganz anders als die Lokalzeitung, berichteten die Bundesdeutschen Medien. In Spiegel Online, DIE ZEIT, Süddeutsche, Neues Deutschland, Deutschlandradio, und andere lobte man das mutige Engagement der Studenten. Sogar international gab es Berichte: jüdische Zeitungen in Israel und den USA hofften auf Ablegung des Namens. Auch ein französischer Blog, spannenische Medien und sogar eine Nachrichtenagentur in China berichteten von der wilden Debatte zwischen Studenten und rechtskonserativen bis rechtsextremen Kreisen. Denn rechtsextreme und rechtspopulistische Blogs und Zeitungen in Deutschland und Österreich mobilisierten. Sie riefen auch dazu auf mich „zusammenzuschlagen“. Neben offiziellen Stellungnahmen der NPD und DVU, schlug sich auch die Greifswalder CDU in einem Anflug von Lokalpatriotismus auf die Seite der Arndt-Befürworter. Die Junge Union spielte in diesem Zusammenhang eine unschöne Rolle, saß sie doch mit deutschnationalen Burschenschaften an einem Tisch und machte diese plötzlich wieder hoffähig. Zusammen steckten all diese Kreise alle Energie in diesen „Kampf“, um das letzte ‚lebendige‘ Relikt aus dem Dritten Reich zu erhalten.

Und sie waren nicht erfolglos. Eine geschickte Personalisierung der Arndt-Befürworter lenkte die Debatte sehr schnell weg von Ernst Moritz Arndt, hin zu, ja leider, „meiner Person“. Ist Sebastian Jabbusch ein linksradikaler Kommunist? Will er sich nicht nur selbst darstellen? Ist Sebastian Jabbusch Westdeutscher, also „fremd hier“? Dazu wurden dann noch ein paar Lügenmärchen verbreitet. Plötzlich sei Ernst Moritz Arndt eine liberaler Freiheitskämpfer gewesen oder ein Waldschützer (kein Witz!). Die Meinungen von über 25 Historikern, Philosophen und anderen Prominenten konnten die polarisierte Debatte nicht mehr retten. Wer gegen Ernst Moritz Arndt war, war gegen Greifswald, gegen die Uni, gegen Deutschland und eigentlich mindestens ein Vaterlandsverräter oder ähnlich schlimmes.

Und so verfehlte die von uns angestrengte Urabstimmung im Januar 2010 knapp eine Mehrheit. Auch wenn viele Studenten später sagten, dass ihnen vor allen Dingen ein neuer Name fehlte, wurde diese Urabstimmung als „Fürspruch“ für Arndt ausgelegt. Am 17. März 2010 entscheid der Senat der Universität Greifswald dann den Namenspatron vorerst beizubehalten. Auch wenn wir das eigentliche Ziel nicht erreicht haben, war unsere Kampagne ein Erfolg. Sie hat gnadenlos entlarvt, welches Gedankengut hinter den ideologischen Arndt-Befürwortern steht und dass man bereit war politische Koalitionen mit dem rechtsextremen Lager einzugehen.

Es lohnt sich übrigens ein kurzer Blick auf die Kampagnen-Seite unter www.uni-ohne-arndt.de. Dort findet man u. a. die Bewertungen der Historiker zu Arndt und ein „Facts-Checking“, sowie eine Darstellung der gesamten Debatte und so ziemlich aller Artikel.

Motivation:

Als ich an die Universität kam, ging es mir wie vielen: Ich hatte noch nie etwas von Ernst Moritz Arndt gehört und mir war es auch ziemlich schnuppe, wer das war. Im Studentenmagazin „moritz“ beschäftigte man sich jedoch schon länger kritisch mit dem Namenspatron. Ich fand es aufopferungsvoll, wie viel Rechercheleistung manche Studenten dafür leisteten, empfand dies jedoch zunächst für mich nicht als „wichtig“. Erst als ich sah, wie mit den Arndt-Kritikern vom Studierendenparlament anno 2006 umgegangen wurde, als man sie ignorierte, sie nicht anhören wollte und sie verhöhnte – da wurde ich aktiv. Ich wollte, dass man den Arndt-Kritikern zuhört und die Geschichte um unseren Namenspatron nicht länger unterdrückt. Dass ich – neben Arndt – zur prominentesten Person der gesamten Debatte wurde, war weder geplant noch gewollt. Im Nachhinein bewerte ich es auch als größten Fehler. Ich, bzw. wir als Team, habe(n) es damit den Arndt-Befürwortern zu leicht gemacht, von der eigentlichen Debatte abzulenken.
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© Sebastian Jabbusch